Leseproben zu Büchern von Regina Raaf


Leseprobe zu "Verflochtene Leben" -  Roman von Regina Raaf

 

Leseprobe aus der Mitte des ersten Kapitels: 

„Katrin war meine Schwester“, sagte die Frau mit einem unsicheren Lächeln. Verwirrt sah ich sie an. Es gab natürlich keinen Grund für mich, an ihren Worten zu zweifeln, doch mein einziger Gedanke war: Aber ihre Augen waren grün. Als habe sie meine Gedanken erraten, wurde das Lächeln der Frau nun sicherer, und sie sagte: „Wir sahen uns nie sehr ähnlich, Katrin und ich. Sie hatte grüne Augen, ich habe die Augen meines Vaters – braune“, erklärte sie, als könne ich nicht selbst erkennen, welche Farbe ihre Augen hatten. Und tatsächlich fiel es mir schwer, ihre Aussage zu überprüfen, da ich mich scheute, in diese verweinten Augen zu sehen. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte, also tat ich das Einzige, was man in einer solchen Situation tun kann – was man gelernt hat, was sich gehört. Ich reichte ihr meine Hand und murmelte mit leiser Stimme eine Beileidsbekundung. Sie reichte mir ebenfalls die Hand. „Patricia Neufeld.“

 

Ich zögerte, dann sagte ich rasch meinen Namen, in der Hoffnung, dass sie nicht aus dem Polizeibericht wusste, wer ich war. Aber natürlich wusste sie es. Sie hatte es schon gewusst, als sie auf mich zugekommen war. Es wurde mir schlagartig klar, als sie leise sagte: „Es war sicher auch für Sie sehr schwer. Niemand steckt so etwas leicht weg.“

 

Ich öffnete meinen Mund. Schloss ihn aber wieder, ohne etwas zu sagen. Wenn ich ein Kind gewesen wäre, hätte ich ebenfalls meine Augen geschlossen, in der Hoffnung, dass Patricia Neufeld mich dann nicht mehr sehen könnte. Aber ich war kein Kind, das sich dieser Illusion hingeben konnte. Ich wäre nicht einmal verschwunden, wenn ich mich umgedreht hätte und weggelaufen wäre. Denn man verschwindet nicht einfach. Man kann anderen ausweichen, aber verschwinden kann man nie. Immer nimmt man das mit, was einen präsent macht – das eigene Bewusstsein. Man kann es nur endgültig ausschalten, wenn man es macht wie Katrin Baumann. Doch selbst sie war nicht verschwunden. Sie am allerwenigsten. Sie lag da, in diesem Grab, mit Hunderten von Blumen um sie herum. Nein, verschwunden war sie ganz und gar nicht. Falls dies ihr Wunsch gewesen sein sollte, hatte sie schrecklich versagt.

 

Patricia Neufeld sah mich nun neugierig an. Ich hatte ihr nichts zu sagen. Ich konnte nicht. Wollte nicht. Durfte es letztendlich nicht. Ich hatte ihre Schwester nicht gekannt. Wie hatte ich auf den Gedanken kommen können, dass es einen Unterschied machte, wenn ich versuchte, etwas über sie herauszufinden? Das Resultat blieb doch dasselbe. Ein Grab auf einem Friedhof – ein Grab in meinem Herzen.

 

„Kommen Sie! Wir haben einen Umtrunk im Haus meiner Schwester organisiert. Sie sollten mitkommen ... um Ihrer selbst willen.“ Ich dachte über diese Worte nach. ‚Um meiner selbst willen‘. Hatte ich einen Willen? Ging es um mein Wohlergehen? Um mein Seelenheil? Während ich ihr wie mechanisch folgte, stellte ich fest, dass ich diese Gedanken nicht festhalten konnte. Genauso wenig wie ich Worte fand, um ihre Einladung dankend abzulehnen. Erst als wir den Flur des Hauses betraten, und meine Nase durch die plötzliche Wärme anfing zu laufen, konnte ich wieder mein Denken mit meinem Handeln überein bringen.

 

Es beschränkte sich allerdings erst einmal darauf, zu einem Taschentuch zu greifen, um mich zu schnäuzen. Sofort klopfte mir ein fremder Mann auf die Schulter. Auch er hielt ein Taschentuch in den Händen und sagte: „Wir vermissen sie alle schrecklich. Mein Gott, warum hat sie das nur getan?“

 

Ich ließ mein Taschentuch sinken und sah ihm hinterher, wie er zum nächsten kleinen Grüppchen ging, um anscheinend das gleiche Bedauern auch dort zum Ausdruck zu bringen. Patricia Neufeld wurde von einigen Leuten gleichzeitig angesprochen. Sie entschuldigte sich kurz, kam aber noch einmal zu mir zurück und sagte eindringlich: „Bleiben Sie, bitte! Ich möchte Sie so vieles fragen. Bitte geben Sie mir diese Chance. Es ist mir unendlich wichtig.“

 

Sie ging in Richtung Küche und verschwand ersteinmal.Ich stand da, in diesem fremden Haus, zwischen all den fremden Menschen, und wusste, dass man mich hinauswerfen würde, wenn man wüsste, wer ich war. Oder irrte ich mich? Patricia Neufeld wusste ganz genau wer ich war, dennoch hatte sie mich inständig gebeten, zu bleiben. Sie erhoffte sich Informationen. Ein Seufzen, das wohl viel zu lange in meinem Körper verweilt hatte, entrang sich meiner Kehle. Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen traten. Es tat gut, diesem Drang nachzugeben.

 

Wie ich so dastand, mit nassen Augen, kam ich mir auf einmal gar nicht mehr wie ein Fremder in diesem Haus vor. Durch meine sichtbare Trauer hatte ich mich der Menge angepasst. Es ist immer wichtig, wie die Mehrheit zu sein. Man darf nicht gefasst sein, in einem Haus voller Trauernden. Nun war ich angepasst und fühlte mich dadurch viel sicherer. Ein Gleicher unter Gleichen. Mein getrübter Blick wanderte durch den Raum. Ich sah, wie ein Mann mit gesenktem Kopf die Beileidsbekundungen einiger Freunde oder Bekannten entgegennahm. Patricia Neufeld trat plötzlich wieder an meine Seite und wisperte mir ins Ohr: „Das ist Gero, Katrins Ehemann.“

 

Ich beobachtete ihn eine Zeitlang aus den Augenwinkeln. Erst als niemand mehr vor ihm stand, um ihm die Hand zu schütteln, ging ich schnellen Schrittes auf ihn zu. Doch bevor ich bei ihm angelangt war, um ihm ebenfalls meine Anteilnahme zu versichern, hatte sich eine völlig hysterische Frau zwischen uns geschoben.

 

„Es war doch ein Unfall, Gero, nicht wahr? Sag mir, dass es nur ein Unfall war!“

 

Der Angesprochene legte seine Hand auf die Schulter der Frau und sagte laut und deutlich: „Ja Luisa, es war nur ein Unfall. Verursacht, weil ein besoffener Bahnfahrer nicht rechtzeitig erkannt hat, dass sie versehentlich auf die Schienen geraten war.“

 

Ich versuchte die Worte mit den Erinnerungen in meinem Kopf zu vergleichen. Diese beiden Bilder passten nicht übereinander. Automatisch machte ich einen Schritt rückwärts, als mich Geros Blick streifte. Er sah mich einen Moment lang verachtend an, dann wandte er den Kopf in eine andere Richtung und vertiefte sich in ein Gespräch mit einem anderen Mann. Meine Füße machten noch einen Schritt nach hinten. Dann noch einen, und schließlich war es Patricia, die mich sanft festhielt.

 

„Er ist so ein verlogener Drecksack. Das war er schon immer. Kümmern Sie sich nicht darum, was er gesagt hat. Er weiß, dass es nicht so geschehen ist. Das ist die Hauptsache, nicht wahr?“

 

„Ich muss hier raus“, sagte ich. „Sofort!“, fügte ich dringlicher an.

 

„Bitte ...“, sagte sie flehend. Doch ich hob abwehrend die Hände, drehte mich von ihr weg, um die Haustür aufzureißen und nach draußen zu stürzen. Die Kälte traf mich wie ein Faustschlag. Die Schneeflocken wirbelten um meinen Kopf. Sie ließen mich die Welt nur noch schemenhaft erkennen. Das Wirbeln wurde immer schneller. Alles versank in diesem Rausch. Ein Schmerz folgte, der mich innerlich zu zerreißen schien – dann nichts mehr.

 

 

Leseprobe ende

 

Mehr über Verflochtene Leben <-- klick!

Diese Seite befindet sich zur Zeit im Aufbau.

 

Du kannst gerne später für mehr Inhalte zurückkehren! (Speichere sie dafür einfach bei deinen Favoriten)

Fotos © Regina Raaf

2026